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Memento Vitae

   

Nein - das ist kein Rasierschaum, der Matthias Herrmann da die Bartstoppeln verklebt: es ist Sperma, sein eigenes offenbar, nach den anderen Bildern des Buches zu urteilen. Die zeigen - von einer aufgeblasenen Sexpuppe abgesehen - nur den Fotografen selbst, der mehr oder weniger bekleidet mal entspannt, mal merkwürdig grotesk und verdreht posiert; einen, seinen Schwanz, der erigiert ins Bild ragt, auf eine Glaskugel abspritzt, durch Löcher in Pappkartons schifft, mit einer Uhr, einer Mohnblüte und einem Apfel stille Zwiesprache hält; dazu schließlich in der Mehrzahl der Bilder kleine Papierstreifen mit Zitaten: Speak softly but carry a big stick. Man is a Creator by Nature. I am a giant. Selbstinszenierung bis zur Parodie, überaus anspielungsreiche Motti und die Ausstellung einer Sexualität, die gesellschaftlich vermutlich nicht mehrheitsfähig ist: Herrmanns Bilder sind in einer Weise auf- und eindringlich, die man lästig finden kann. Oder lustig.

Entscheidet man sich für letzteres, sieht man sich allerdings bald damit konfrontiert, dass hier die Lust am Lustigen mit der am Sex ebenso zu tun hat wie mit der an der Intellektualität, obwohl beide gemeinhin gern getrennt voneinander gehalten werden. In seinem begleitenden Essay schreibt Bill Arning: "During most of life's crucial experiences, the ability to think and process experience is seen as positive, but during sex, the ability to lose oneself fully in bodily pleasures at the expense of thought is presented and received as an example of 'doing it right.'" Und umgekehrt ist diese Trennung ja nicht nur durch die Nobilitierung der vermeintlich so authentischen unvermittelten Gefühlserfahrung eines Orgasmus motiviert, sondern auch durch den Versuch, das reine, rationale, männliche Denken vor der Kontamination mit der nassen, irrationalen und weiblich konnotierten Körperlichkeit zu bewahren.

Als Selbstporträts bewegen sich die Bilder entlang dieser Trennlinie, sind es doch im Kontext des Buches eigentlich eher Doppelselbstporträts: Mein Schwanz als ich, mein Kopf als ich, und entsprechend häufig werden beide Körperteile mit Nahaufnahmen gewürdigt. Doch obwohl die Fotografien so vor allem die physischen Substanz des Körpers abbilden, bleibt dem Denken als Ort nicht allein die Schrift, im Gegenteil: Die Bilder zeigen jemanden, der sehr sorgfältig mit seinem Körper umgeht, und das heisst auch: er schaut ihn sich sehr genau an. Und er macht sehr genaue Bilder: Das vom Fotografen verwendete Filmformat 8x10" gab dem Buch nicht nur den Titel, sondern entspricht auch dessen Maßen, und der Reproduktionsdruck bewahrt so viele der farblichen Nuancen und bildlichen Details der Aufnahmen, dass sie sich der Pornografie der Oberflächlichkeit entziehen. Nicht, dass die Bilder nicht erotisch wären; es ist nur gerade ihre Schärfe, die auch an anderes denken lässt als an immer nur das eine.

An den Tod zum Beispiel, einen der größten gemeinsamen Nenner von Fotografie und Sex. Die Bilder sind im Studio mit nur wenigen Accessoirs arrangiert, aber darunter finden sich immer wieder neue und alte Vanitas-Symbole: Welke und abgeknickte Blüten, leere Tablettenstreifen, eine verschrumpelte schlaffe Karotte konfrontieren den athletischen Körper, den aufrechten Penis mit Alter, Krankheit, Verfall. "Ich lese gleichzeitig: das wird sein und das ist gewesen;" schreibt Barthes: "mit Schrecken gewahre ich eine vollendete Zukunft, deren Einsatz der Tod ist." Schrecken, ja; aber kein sprachloses Entsetzen, keine milde resignierte - "Alles ist eitel" - Depression, keine Angst vor dem Leben, weil man dereinst sterben muss. Die Kamera nimmt den Tod auf und weist ihm einen sichtbaren Platz zu; die Vollendung der Zukunft wird darüber als Prozess lesbar, nicht als Zustand festgeschrieben.

Die Fotografien sind lustig, nicht belustigend, ein Spaß, kein Spott. Herrmann inszeniert etwas, das ließe sich Auto-Voyeurismus nennen, und weil er dabei den Platz vor und hinter der Kamera besetzt, verweigert er den Betrachtern einen privilegierten, überlegenen Blick auf seinen exponierten Körper ebenso wie Empathie und Identifikation. Keine der Positionen ist für sich zu haben; lässt man sich auf das intrikate Spiel ein, geht es nicht mehr nur um den Fotografen und Fotografierten. Auch ohne dass man selbst zur Kamera griffe, schwul ist, gut aussehend und HIV-infiziert gehen die Bilder den eigenen Körper an, das eigene Leben. Memento mori? Sicher. Und: Memento vitae.


Friedrich Tietjen
Published in Camera Austria 89/2005